Die Weltwirtschafts und Finanzkrise und ihre Folgen

Bernd am 13.07.2020 21:47 Uhr

Bei der Pandemie sprechen bürgerliche Ökonomen von einem exogenen Schock ( https://de.m.wikipedia.org/wiki/Schock_(Volkswirtschaftslehre) ). Hier zwei Statements zu der Krise von Prof. Dr. rer. pol. Kay Hempel und Professor Dr. oec. habil. Jan Schnellenbach:

https://www.b-tu.de/forschung/forschung-aktuell/finanzen-im-lockdown
https://www.b-tu.de/forschung/forschung-aktuell/wirtschaft-im-lockdown

Viel Spaß beim Lesen!

Bendrick Arnold am 29.05.2020 12:55 Uhr

Nochmal zur Frage: Weltfinanzkrise?
Wenn durch das Stocken von Finanzströmen insgesamt oder in mehreren relevanten Bereichen das globale Finanzsystem betroffen ist, sprechen wir von einer Weltfinanzkrise. Das ist denke ich schon seit geraumer Zeit der Fall.
Die Zentralbanken (in der EU und den USA) sind spätestens seit Oktober 2018 mit ihrer Politik gescheitert, den Rückgang der Industrieproduktion und des Welthandels trotz immer „unkonventionelleren Maßnahmen“ zu stoppen. Die US-Notenbank FED pumpte seit Mitte 2019 Unmengen an frisch gedrucktem Geld ins Finanzsystem – bis jetzt über sieben Billionen Dollar. Weitgehend erfolglos, auch schon vor der Corona-Krise.
Seit Mai 2018 entwickeln sich Währungs- und Verschuldungskrisen in neu-imperialistischen Ländern und neokolonial abhängigen Ländern. Viele ihrer Währungskurse verschlechterten sich 2019 zwischen 5 und 20 Prozent. In 91 dieser Ländern verdoppelten sich die Schulden seit 2010 auf rund 72 Billionen Dollar. Beim IWF mussten diese Staaten schon im März Notkredite beantragen.
Schon Ende 2018 gab es einen deutlichen Einbruch bei allen großen internationalen Börsen. Sie erholten sich zwar wieder, brachen im Februar 2020 dann aber richtig tief ein. Der jetzige Anstieg ist ein ungedeckter Wechsel auf einen „Aufschwung“ nach Corona.
In Europa haben wir eine jahrelange latente Bankenkrise. Die Schulden der Banken haben sich seit 2008 verdoppelt. Eine Billion Euro in ihren Bilanzen gelten als „faule Kredite“. Deshalb stürzten die Kurse der Banken der Eurozone Mitte März um mehr als ein Drittel ab.
Die globalen Überproduktionskrisen sind m.M.n. heutzutage immer enger mit Spekulationskrisen, Bankenkrisen, Börsenkrisen, Währungskrisen usw. verbunden – sie verschmelzen zu Weltwirtschafts- und Finanzkrisen.

Anke am 28.05.2020 13:19 Uhr

Viel diskutiert und auch kritisiert wird gerade die von der Autoindustrie geforderte Kaufprämie. Aus der Daimler-Zentrale tönt es, der Staat müsse jetzt das brachliegende Geschäft wieder anspringen lassen - "wie mit einem Defibrillator". Jetzt kann man bei der Autoindustrie nicht gerade von einem drohenden plötzlichen Herztod sprechen. Allein VW hat 2019 einen Umsatz von 252,6 Milliarden Euro gemacht (+7,1%). Besonders laut melden sich in der Debatte die Auto-Ministerpräsidenten Söder (Bayern/BMW), Kretschmann (Baden-Württemberg/Daimler) und Weil (Niedersachsen/VW) zu Wort. Der "Grüne" Kretschmann wirbt dabei explizit für Verbrennungsmotoren: "Wer einen besseren Vorschlag hat, soll kommen!". Stefan Weil, selbst im Aufsichtsrat von VW, hat auf einmal sein Herz für die Zulieferer entdeckt "Ich habe aktuell insbesondere Sorgen, was die Zuliefererbetriebe angeht. Wenn nicht schnell die Nachfrage anspringt, werden viele bald die Bücher zuklappen und sagen: Sorry, aber das war's." Als sich die in Hannover kämpfenden Sitech-Arbeiter hilfesuchend an den Landtag gewendet hatten, damit er was gegen die Schließung der VW-Sitzefertigung und Entlassung von 470 Kollegen unternimmt, stießen sie auf taube Ohren. Auch der IG Metall-Chef Hofmann gesellt sich dazu und unterstützt das Konjunkturpaket der Bundesregierung inklusive Kaufprämie als "Notfallmedizin". Berechtigt kritisieren Eltern angesichts mangelnden Gesundheitsschutzmitteln in Schulen und Kitas: Für Konzerne ist Geld da, für Familien nicht. Als Krankenschwester und Verdi-Mitglied bin ich entschieden dagegen, den kranken Kapitalismus zu pflegen.

Gottfried Schweitzer am 25.05.2020 11:28 Uhr

Hallo! Zum Wesen der Überproduktionskrise... heisst es in der ROTEN FAHNE 8:
„Zyklische Überproduktionskrisen haben ihre gesetzmässige Ursache in einer chronischen Überakkumulation des Kapitals, weil die Märkte und die Maximalprofit bringenden Anlagemöglichkeiten mit dem Kapitalwachstum nicht Schritt halten.“ Die Akkumulation ist aber nur die eine Seite. Der REVOLUTIONÄRE WEG 22 zitiert Marx: „Der letzte Grund aller wirklichen Krisen bleibt immer die Armut und Konsumtionsbeschränkung der Massen.“ (S. 29) Und er fasst zusammen: „Die Überproduktion von Waren, die nicht realisiert, das heisst nicht verkauft werden können, hat die Überproduktionskrise zur Folge. Die Krise unterbricht vorübergehend die Überproduktion: Waren werden vernichtet, Produktionsinstrumente zerstört, Löhne herunter gedrückt, Bankrott folgt auf Bankrott usw., bis eine Belebung einsetzt und der Kreislauf von neuem beginnt.“ (S. 30) Im zweiten Teil des von euch zitierten Satzes habt ihr das nur angedeutet: „weil die Märkte nicht Schritt halten“.
Das überakkumulierte Kapital kommt aus der Ausbeutung der Arbeiter, aus der privaten Aneignung der von ihnen geschaffenen Werte. Wieder Marx: „Die Akkumulation von Reichtum auf dem einen Pol ist also zugleich Akkumulation von Elend, Arbeitsqual, Sklaverei, Unwissenheit, Brutalisierung und moralischer Degradation auf dem Gegenpol.“ (S. 31) Diese beiden Pole sind ein antagonistischer Widerspruch. Je stärker die Ausbeutung, desto höher die Akkumulation von Kapital. Nur die eine Seite analysieren/betonen, die andere nur nebenbei streifen ist kleinbürgerlich-objektivistisch. Wenn man von diesem kapitalistischen Grundgesetz ausgeht, kann man besser verstehen, warum die Überproduktionskrisen im Kapitalismus immer schärfer werden - unvermeidbar.

Achim Czylwick am 21.05.2020 10:14 Uhr

Antwort auf Andreas 18.05.2020 18:31 Uhr
Die Finanzkrise ist eine globale Erscheinung. Das Kreditwesen ist Haupthebel, um die Überproduktion und Überspekulation zu beschleunigen, somit auch die Entwicklung der Produktivkräfte und die Ausdehnung des Weltmarkts. Ab einem bestimmten Punkt wird aus dem Widerspruchs zwischen der schrankenlosen Ausdehnung der Produktion und der Spekulation gegenüber der Aufnahmefähigkeit des Weltmarktes der Übergang in die Krise. Früher oder später kommt es dann zur Finanzkrise, weil die die überbordende Spekulation platzen lässt, die Liquidität auflöst, in eine Kreditklemme führt, damit die Zirkulation des Kapitals unterbricht. Die Zentralbanken setzen gegenwärtig über 9 Billionen Euro ein um die Zirkulation des Kapitals aufrecht zu erhalten. Doch das ist keine Garantie für den Erfolg. Argentinien hat angekündigt den Schuldendienst bis 2023 aussetzen um einen Staatsbankrott abzuwenden. Der Verfall der Landeswährung hat die Schulden zudem verteuert. Kommt es zu dieser Unterbrechung in den internationalen Finanzströme werden einige internationale Banken in die Krise gedrückt. Solche Kombinationen von aufkommenden Zahlungsunfähigkeit zur Bedienung der Schulden in Verbindung mit einer Währungskrise haben sich auch in der Türkei oder Brasilien entwickelt. Und nicht nur dort. Beim IWF haben über 90 Staaten schon im März Notkredite beantragt. Auch wenn es den Anschein hat Geld ohne Ende da, trügt dieser Schein. Die aufgekauften Staatsschulden der EZB machen schon 45 Prozent des BIP des Euroraums aus. Die Entwicklung zu Staatsbankrotten, der sicher kommende Zusammenbuch der mit staatlichen Bürgschaften vergebenden Kredite, stellen gegenwärtige Übergang zu einer offen unkontrollierten Finanzkrise in Wechselwirkung mit der Weltwirtschaftskrise da.

Andreas am 18.05.2020 18:31 Uhr

Finanzkrise – wie ist sie definiert
Ihr sprecht in euren Artikeln von der Wirtschafts- und Finanzkrise. Eine Wirtschaftskrise besteht seit 2018. Sie wird klar nachgewiesen durch den Rückgang der industriellen Produktion. Hiermit habe ich keine Schwierigkeiten.
Aber die Finanzkrise? Existiert sie global oder nur regional? Wodurch ist sie charakterisiert? Spricht man nicht von einer Finanzkrise, wenn der Kapitalfluss weltweit oder regional unterbrochen ist, wenn die Börsen schließen und die Kreditvergabe weltweit oder regional nicht mehr funktioniert? Davon kann zur Zeit keine Rede sein. Geld scheint ja ohne Ende vorhanden zu sein. Die Börse macht auch in der Krise Gewinne und Kredite sind verfügbar.
Sicher steuern wir auf eine Verschuldungskrise und einer folgenden Finanzkrise hin. Aber zur Zeit existiert sie meiner Meinung nach noch nicht. Mir fehlt ein Definition im marxistischen leninistischen Sinn, wann man von einer Finanzkrise sprechen kann.
Wer kann da helfen?

Anke am 16.05.2020 15:37 Uhr

Ich gebe Lutz Recht, dass nur der Sozialismus/Kommunismus einen grundlegenden Ausweg aus dem Krisenchaos des Kapitalismus darstellt. Aber der von Lutz verlinkte Beitrag hilft nicht dabei, Klarheit darüber zu schaffen, was die Folgen der Weltwirtschafts- und Finanzkrise sind, die schon 2018 begonnen hat. Er passt sich der herrschenden Propaganda eher noch an, die Corona-Krise allem anderen überzuordnen. So heißt es dort, die "Krise um das neue Coronavirus trifft auf eine bereits geschwächte, kapitalistische, im Niedergang befindliche und globale Klassengesellschaft und reißt diese in den Untergang." Natürlich lässt die Corona-Krise die allgemeine Krisenhaftigkeit des Imperialismus noch deutlicher hervortreten. Aber indem jetzt Monopole und Konzerne die Abwälzung der Krisenlasten mit Corona begründen, tun sie doch so, als sei das alles höhere Gewalt, gegen die man machtlos sei. Entsprechend beschwört die Merkel-Regierung unablässig ein "gemeinsames solidarisches Handeln". In Wirklichkeit steckt hinter dem imperialistischen Krisenmanagement das Diktat der Unternehmerverbände. Wie kann es sein, dass VW über das Kurzarbeitergeld die Sozialkassen plündert und gleichzeitig die Dividende an die Aktionäre um 35% erhöht, anstatt sie zu stoppen? Wenn Krankenhäuser jetzt "wegen Corona" Kurzarbeit fahren, bereitet das den Forderungen der Bertelsmann-Studie von Juli 2019, 60% der Krankenhäuser zu schließen, den Boden und schafft Fakten. Oder wenn der Karstadt/Kaufhof-Konzern seine Pläne zur Schließung der Hälfte seiner Häuser und Entlassungen von min. 5000 Leuten jetzt erneut umsetzen will, die Verdi noch im Dezember verhindern konnte. Hier werden im Windschatten von Corona Maßnahmen umgesetzt, die schon länger geplant sind, was wir weiter aufdecken und hier diskutieren sollten.

Lutz am 13.05.2020 20:11 Uhr

Nur die sozialistische Revolution und die Fortführung und Verschärfung des Klassenkampfes im Sozialismus, der in die klassenlose, staatsfreie kommunistische Gesellschaft führt sind das "Licht am Ende des Tunnels": Ein Beitrag zur Diskussion der aktuellen Lage:
Im Zusammenbruch des Kapitalismus!
Die gegenwärtige Situation ist beispiellos in der Geschichte der Menschheit. Die Krise um das neue Coronavirus trifft auf eine bereits geschwächte, kapitalistische, im Niedergang befindliche und globale Klassengesellschaft und reißt diese in den Untergang. Diese Entwicklung wird in Quantität und Qualität einen Generalstreik oder auch die revolutionären Erhebungen wie zum Beispiel im November 1918 oder auch die von 1848/49 weit übertreffen.
In diesem Artikel soll es nicht um tagespolitische Diskussionen und Einschätzungen dieser oder jener Maßnahme gehen, sondern um den Versuch, mittels der wissenschaftlichen Gesellschaftsanalyse die Hintergründe zu beleuchten und damit auf das Licht am Ende des Tunnels und damit auf die neue Gesellschaft hinweisen.
Im ersten Teil möchte der Autor auf das „Bewusstsein der Massen“ eingehen, auf den subjektiven Faktor der natürlich auch eine nicht geringe Rolle spielt. Dieser ist aber nicht das entscheidende, sondern die Lage des Wirtschaftssystems, auf die im zweiten Teil eingegangen wird. Im dritten Teil wird auf mögliche weitere Perspektiven und Handlungsansätze eingegangen.
Zur Entwicklung des Bewusstseins
Zunächst sollte man beobachten wie die herrschende Klasse auf dieses Virus reagiert, das auch eine tödliche Bedrohung des kapitalistischen Wirtschaftssystems darstellt. ... http://antikapitalist.eu/im_zusammenbruch_des_kapitalismus.html

Anke am 13.05.2020 18:05 Uhr

Zu D.`s Gedanken ein Beispiel aus der Autowelt.
Die Presse in Niedersachsen bejubelte am 27. April das Wiederanfahren bei VW. Allen ernstes schwadronierten VW-Bosse inmitten der Pandemie, dass in „etwa drei Wochen alles wieder vergleichsweise normal laufen wird“ (Handelsblatt, 27.4.). Drei Wochen? Da hat VW-Chef Diess wohl den gleichen Kaffeesatz gelesen wie der Ober-Wirtschaftsweise Lars Feld, den Dirk zitierte. Heute, zwei Wochen später stößt der Kaffee schon wieder bitter auf: „Wegen der Absatzflaute durch die Corona-Krise muss VW die Arbeit in Wolfsburg schon wieder drosseln“ (tagesschau.de, 13.5.).
Die Autoindustrie war die einzige Branche mit flächendeckender Produktionsruhe, nahezu weltweit. Allein in Europa standen laut ACEA (Automobilverband Europa) 298 Werke im Schnitt 29 Tage. Bis zum 6. Mai wurden 2,3 Mio Fahrzeuge nicht gebaut. Aber nicht, wie ein Herr Fu, seines Zeichens Präsident des Weltverbands der Autohersteller OICA, behauptet, aus „Sorge um die Gesundheit und Sicherheit ihrer Mitarbeiter“. Sondern weil die Autoindustrie seit 2018 in einer Überproduktionskrise steckt, die 2020 durch Corona noch verschärft wurde.
Der Kapazität der Jahresproduktion von 140 Mio Fahrzeugen steht ein realer Rückgang der Produktion von 2018-2019 um 5% auf nur noch 91,8 Mio gegenüber. Was für eine törichte Vorstellung angesichts dieser Dimension, innerhalb von drei Wochen die Gesetzmäßigkeiten kapitalistischer Krisen außer Kraft setzen zu wollen!
Die Arbeiter und ihre Familien sind mit der materialistischen Krisentheorie besser beraten, als mit dieser Kaffeesatzleserei.

Die Moderation am 05.05.2020 15:33 Uhr

Bereits Anfang April hat Rote Fahne News einen Artikel zum Thema veröffentlicht:

„… Während die ganze Welt mit Sorge rätselt, was mit und nach Corona noch alles auf uns zukommen wird, kann der "Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung" - so der offizielle Titel der "Wirtschaftsweisen" - auf das Promille genau berechnen, wie sich die deutsche Wirtschaft entwickeln wird.
 Geht es nach den "Weisen", käme es 2020 im besten Fall zu einem "Einbruch der Wirtschaftsleistung um 2,8 Prozent, gefolgt von einem Aufschwung um 3,7 Prozent im Jahr 2021". "Nach fünf Wochen Shutdown und einer dreiwöchigen Erholungsphase könnte die Wirtschaft dann wieder in den Normalzustand zurückkehren", so der Vorsitzende des Gremiums, Lars Feld. Im schlechtesten Fall werde das Bruttoinlandsprodukt 2020 "um 4,5 Prozent schrumpfen, im nächsten Jahr aber nur um ein Prozent wachsen."
Woher soll aber der versprochene "Aufschwung" kommen, wenn erst ein Bruchteil des überakkumulierten Kapitals vernichtet ist? Auch nach der Krise ist kaum mit einer sofortigen Belebung oder gar einem "Aufschwung" zu rechnen. Vielmehr wird eine Phase der Depression folgen, über die Willi Dickhut, Vordenker und Mitbegründer der MLPD, schreibt:
 „Die Depression vollendet das Werk der Krise. Sie ist gekennzeichnet durch Stagnation der industriellen Produktion. In dieser Phase versuchen die Kapitalisten durch Senkung der Produktionskosten einen Ausweg aus der Krise zu finden.“ („Krisen und Klassenkampf“, Revolutionärer Weg 23, S.89) …“

Link zum vollständigen Artikel: https://www.rf-news.de/2020/kw15/kapitalistische-wirtschaftsanarchie

Berichtet und diskutiert mit zur Weltwirtschafts- und Finanzkrise und ihre Folgen.

Die Moderation am 03.05.2020 15:01 Uhr

Die Weltwirtschafts und Finanzkrise und ihre Folgen